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Der tolle Großpapa

  • Writer: sebastianbubner
    sebastianbubner
  • Apr 30
  • 6 min read

Ich würde gerne wissen, ob man ihm heute eine ADHS-Diagnose stellen würde. Er war ein einziges Energiebündel, jemand der dröhnend und jovial und echt und herzlich mit allen Menschen umging. Und umgehen heißt, sie mit seinem eigenen Enthusiasmus anzustecken, indem man sie in die eigene Welt einbaute und eher auffordernd und schiebend als bossy herumkommandierte. Die Welt war so schön, alle sollten teilhaben. Mit Opa war es immer wie auf einem von Pfadfindern aufgescheuchten Dauerschulausflug.


Bei Opa aß man als Gast, wenn er es sagte, man brach auf, wenn er es gut fand, und man ging auf Spaziergänge, wenn er räuspernd und hustend an der Tür stand wie ein Jagdhund, der rauswill.


Mein Opa kannte immer eine Abkürzung und ging einmal mit mir gradeaus einen Berg hinauf durch Brombeergebüsche und Verhau, es war ein großes Abenteuer. Als wir von unserem Spaziergang wieder nach Hause heimkehrten in sein schönes großes selbstdesigntes Haus, das ebenfalls an einem Berg lag, fragte die fröhlich Zuckerdosen und Kaffeeteller auf den Tisch deckende Großfamilie, die auch ein bisschen rumlärmte, aber nicht so gut wie mein Opa, der joviale Dröhner, wo wir denn gewesen seien. „Wir haben eine Abkürzung genommen.“ Na, dann wissen wir schon, sagten die Tischdeckenden mit einem vergnügten Augenverdrehen in der Stimme.


Mein Opa war im Krieg gewesen, in Polen und in Frankreich, in der Wehrmacht, Hitlers Armee. Manchmal frage ich mich, ob er so ein hyperaktives Nervenbündel war, weil er aus einem Krieg kam. Seine Kriegserlebnisse und vielleicht ja auch Taten in Polen müssen schrecklich gewesen sein. Wie alle aus der Generation sprach er nicht darüber. Einmal reiste er mit seiner jüngeren Tochter, meiner Tante, ins ehemalige Kriegsgebiet. Sie hoffte, dass er ihr dort erzählen würde, was er damals erfuhr und verbrach. Er stand stumm in der Landschaft und war bewegt. Das war alles.


Ob er ein überzeugter Nazi gewesen ist? Er mochte völkische Lieder, auch Naziliedgut, im Kreis um riesige Lagerfeuer stehend gesungen. Das Fliegerlied. Er wählte glaube ich CDU. Ich kann mich an keinen einzigen chauvinistischen engstirnigen Spruch von ihm erinnern. Aber ich war damals auch noch klein. Als er uns in Süddeutschland besuchte, verbrüderte er sich gleich mit meinem Lieblingsmüllmann, einem Italiener oder Serben oder Türken, der mit der orangenen Müllkarre immer über den ‚Goldberg‘, einen hohen Hang vor unserem Haus schob und Papierchen aufsammelte. Den hatte ich selbst oft begleitet und M&Ms aus einer versteckten Proviantklappe im Wagen bekommen. Mein Opa dröhnte ihn jovial an und fragte ihn enthusiastisch über alles aus. Mein Opa wollte immer direkt die Menschen irgendwo vor Ort anzapfen und von ihnen erfahren, was ihn so interessierte, und es gelang ihm auch, weil er menschlich präsent war, ohne aufdringlich oder wie ein sich Erkundigender zu wirken. Aus all dem schließe ich, dass er gar nichts hundertprozentig war, auch nicht Nazi, hundertprozentig war er ein Mensch und voll Lebenslust.


Einmal sagte er über einen männlichen Verwandten, der in Kriegsgefangenschaft geraten war: „Man muss halt wissen, wann man abhauen muss, im Krieg und aus der Armee.“ Das war eine interessante Lehre. Das Militär war ihm aber sehr wichtig. Er machte eine Ausbildung zum Reserveleutnant und befehligte oder beaufsichtigte Reservistenschießübungen. Bei einer Übung wurde ein Gefreiter von einem Querschläger getötet. Mein Opa war danach lange nicht mehr derselbe.


Die Nervenbündeligkeit und der überbordende Aktivitätsdrang meines tollen Opapas äußerte sich in lustigen Episoden. So riss er mitten auf der Weser in einem Boot mit mir schwimmend, dessen Außenbordmotor ausgegangen war, das Starterkabel ab. Da trieben wir also.


Mein Opa war bis ins hohe Alter leistungsstarker Ruderer. Bei einer Hochzeit, die im Bootshaus des Ruderclubs stattfand, hörten wir von drinnen plötzlich ein lautes Besenschurren von draußen auf der Bootsstegseite. Man sah raus. Opa stand da im Smoking mit weißer Blume im Knopfloch und schrubbte den Bootsanleger. „Alles voller Schwanenscheiße“, knurrte er unternehmungslustig.


Wie man mit dem Fahrrad einen Berg herunterheizt ohne bremsen zu müssen, brachte er mir früh bei. Bei querenden Straßen schlenkert man rechts in die Straße rein, hat dann Zeit, die Lage zu erkunden und kurvt dann die Richtung zur Schussbahn zurücknehmend wieder auf die Abwärtsgerade.


Mein Opa war Optiker wie auch schon sein Vater, der sein Geschäft nach der Flucht aus Pommern / Polen in Höxter an der Weser wieder aufbaute. Mein Opa war lange der einzige Optiker am Ort und eine Institution. Ein kleiner Junge aus der Nachbarschaft (Opa kannte sowieso alle und jeden, deswegen waren alle in Höxter wahrscheinlich für ihn irgendwie Nachbar_innen) guckte gerne zu, wenn Opapa (oder, wie ihn sein Clan nannte, der CHEF) Brillengläser schliff. Ein kleiner Schlauch ließ dabei zur Kühlung Wasser über den Schleifstein laufen. Einmal steckte mein Opa den Schlauch unbemerkt hinten in die Lederhose des Jungen und drehte das Wasser auf. Eine Lache bildete sich unter dem Jungen und mein Opa dröhnte vergnügt: „Du hast dir ja in die Hose gemacht!“ Der Junge rannte schamentbrannt aus dem Laden.


Practical Jokes waren genau das Richtige für meinen Opa. Einmal, ich war vielleicht vier, hockte ich zufrieden auf der dem Berghang zugewandten kleinen gemütlichen Waschküchenterrasse mit ihren unregelmäßigen Sandsteinplatten, sonnenbeschienen, wie sie die Nazis in den vierziger Jahren geliebt hatten. Ich spielte mit der Matchboxautosammlung, die für jede Besucher_in im großen Spielkeller des Hauses zur Verfügung stand. Plötzlich stürzte mein Opa auf die Terrasse. „Peng, Peng!“ schrie er und feuerte Knallplättchen aus einem Cowboy-Spielzeugrevolver ab. Ich erschrak mich zu Tode.


Mein Opa hielt sich viel zugute auf seine Praktikabilität. Seine eigenen Brillen bog er immer so zurecht, dass die Gläser sich in einem 45-Grad-Winkel nach vorne neigten. Die Familie und alle, die es hören wollten (auch die, die nicht) versuchte er von dieser ‚aerodynamischen Brillenanpassung‘, wie es meine Onkels nannten, zu überzeugen. Aber alle verbaten sich solcherart Verbiegungen.


Hochzeitsbüfetts waren auch etwas, was mein Opa zu seinem praktischen Vorteil optimierte. Er packte sich kurzentschlossen einen Stuhl, setzte sich mit dem Teller direkt an den langen Tisch, auf dem die Essensschüsseln standen, und aß dort. So war der Weg zur Nahrungsquelle nicht so weit.


Unter dem Dach seines Hauses in einer holzgetäfelten Mansarde hatte der Opapa seine hochleistungsfähige Funkgerätanlage. Hier blieb er in Kontakt mit seinen alten Kameraden und Fluchtgenossen. Dieses Netzwerk nannten er und alle die „Pruzzenrunde“ und ich fragte mich immer, was Pruzzen seien. Für mich klang es wie „Naseputzen“. Heute weiß ich, dass es die Urbevölkerung Ostpreußens ist, mit der sich diese alten Soldaten und Flüchtlinge anscheinend völkisierend identifizierten.


Mein Opa war literaturfreudig, belesen und musisch interessiert, auch wenn man ihm das, dem dröhnenden Naturvieh, nicht ansah. Wenn er mir Ansichtskarten schickte, auch als ich noch klein war, dann waren es Abbildungen von Ölgemälden, die die ‚kulturelle‘ Umgebung von Höxter darstellten. Er freute sich an meiner Kunst und meinen illustrierten Tagebucheinträgen, die ich bei und zu den Aufenthalten im Haus meines Opas am Bielenberg anfertigte und ihm fotokopierte und schickte. „Deine poetischen Ergüsse“ sagte er in der typischen Verächtlichkeit des soldatischen Mannes, die für Anerkennung einstehen muss.


Als ich ein kleines Kind war, klangen die Wörter Bielenberg und Opa für mich gleichbedeutend. Dieses steile Neubaugebiet, in dessen Seite ein großes Gartengrundstück mit samtweichem Rasen und dunklen Bäumen eingegraben wurde, auf dem das große Haus stand mit seiner charakteristischen Treppenhaus-plus-Esszimmer-Glaswand über zwei Stockwerke, war, als wir die ersten Jahre mit stotterendem Käfer die Anhöhe hinaufdrehten, fast unbebaut, mit einem riesigen abgezäunten Brachfeld auf der Kuppe und einem ebenso riesigen schildkrötenpanzerartigen Asphaltplatz zum Rangieren vor den Garagen.


Einmal bereiteten meine Oma und ich uns auf einen unserer Autoausflüge in die Umgegend vor. Ich war vielleicht elf. Die Garagentür an der Kuppe des Bergs mit dem Kombifamilienauto darin stand schon offen, wir standen daneben und unterhielten uns unabschließbar, wie das immer unsere Art war. Plötzlich gewahrte ich einen schwimmenden weißen Schatten, der rechts von mir in mein Blickfeld schlich. „Oma, das Auto!“ Der Wagen machte einen Abgang. Immer schneller rollte er aus der Garage und den großzügig asphaltierten Hang hinunter. Glücklicherweise machte die Straße auf dem Weg zum Bergfuß eine kleine Rechtskurve. Der große Kombi prallte auf eine Straßenlaterne, knickte den Laternenmast und fuhr dann halb die schiefstehende Säule hinauf, wo er dann stoppte. Ich lief zum riesigen Fenster des Hauses, hinter dem Opa sich gerade anschickte, die Treppe hochzugehen. Mit den Armen wedelnd rief ich: „Opa, das Auto!“ Er beugte sich aus dem Fenster, guckte starr und bestürzt und sagte nur ein Wort: „Waaaas?“ Im Nu war er draußen, und die bittenden Beschwörungen meiner Oma ignorierend kletterte er die Laterne hoch, setzte sich in das halb in der Luft schwebende Auto und fuhr es zurück auf die Straße. Dann fuhren wir zusammen zum von meinen Großeltern heißgeliebten Kloster Corwey. Mein Opa düste. Die Stimmung war so, als sei nie etwas geschehen. „Chefchen!“ flötete meine Oma ängstlich, „rase doch nicht so! Du machst noch das Auto kaputt!“ - „Ich - das Auto!?“ prustete mein Opa verächtlich jubilierend.


Die unangefochtene Chefposition meines Opas im Großfamilienclan brachte es auch mit sich, dass er die Funktionen eines Wettergottes innehatte. Wohin er auch mit seiner Familie in den Urlaub fuhr, dort war immer sehr gutes Wetter, worüber er dann in Telefongesprächen den weiteren Verwandtschaftskreis informierte. Wenn es jemand besser wusste und  Regenschauer im Zielgebiet vermutete, belehrte mein Opa mit Stentorenstimme: „Jaaaa, wir sind hier in einem Wetterloch. Alles sonnig.“ Aufgrund dieser meteorologischen Expertise wurde mein toller Opapa von seinen Söhnen Froggy gertauft. Man müsse nur beobachten, wo er sich gerade auf der Haustreppe befinde, dann wisse man das Wetter, versprachen meine Onkels.


Es dauerte sehr lange, bis mein Opa stiller wurde. Und als er im hohen Alter nicht mehr ruderte und nur noch im Lehnstuhl saß, war das so untypisch, dass es einer Wesensveränderung gleichkam. „Jetzt ist dein Opa wirklich alt geworden“, sagte meine schöne Tante. Nicht lange danach starb er.


15.11.2024

 
 
 

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